Schaulaufen der Geschichtsrevisionisten

Am vergangenen Wochenende erreichte das alljährliche Schaulaufen der Geschichtsrevisionisten in Dresden seinen bisherigen Höhepunkt. Am „Trauermarsch“ der „Jungen Landsmannschaft Ostdeutschland“ (JLO), anlässlich des 64. Jahrestages der Luftangriffe auf Dresden durch die Alliierten Streitkräfte, nahmen auch in diesem Jahr hunderte Neonazis aus allen Teilen Mecklenburg-Vorpommerns teil.

Dresden 2009: Things getting worse

Da der 13. Februar1 und der zweite Samstag des Monats auch diesmal zwei verschiedene Tage waren, gab es jeweils am Freitag und am Samstag eine eigene Demonstration (bzw. Fackelmarsch). Der Aufmarsch am Freitag dem 13.02.2009, organisiert vom NPD-kritischen „Aktionsbündnis gegen das Vergessen“ (GdV) begann am Hauptbahnhof und führte durch die westliche Innenstadt. Der Marsch, welcher in Abgrenzung zum bürgerlichen Gedenken unter dem Motto „nicht den Tätern geh-denken, sondern den Opfern“2 stattfand, wurde von ca. 1.100 Neonazis aus dem ganzen Bundesgebiet, sowie von kleineren Gruppen aus Schweden, Belgien, Österreich und Tschechien besucht. Special Guests waren die üblichen Verdächtigen Thomas Wulff, Christian Worch und Enrique Valls, ein Vertreter der spanischen „Alianza Nacional“, welcher auch zu einem Redebeitrag bemüht wurde. Für ein entsprechendes NS-Flair sorgten eine strenge Blockformation, Trommeln und Fackeln. Angemeldet wurde die Veranstaltung von Maik Müller, einem der Hauptprotagonisten des „Netzwerk Mitte“.3
Das eigentliche Highlight des Wochenendes sollte jedoch der „Trauerzug“ am darauffolgenden Samstag sein, der traditionell von der „Jungen Landsmannschaft Ostdeutschland“ (JLO, ehemals Junge Landsmannschaft Ostpreußen) organisiert wird.. Unbehelligt vom Ordnungsamt, ohne Polizeibegleitung und daher ungewohnt pünktlich zogen insgesammt ca. 6.500 Alt- und Neonazis jeglicher Coleur vom Hauptbahnhof durch die Innenstadt und wieder zurück. Das Spektrum der TeilnehmerInnen wurde im Vergleich zum Vortag noch um Neonazis aus der Slowakei, der Schweiz und Dänemark ergänzt.4 Der Demonstrationszug glich allerdings eher einer Militärparade als einem Trauerzug, da ganze Blöcke von Rechtsradikalen komplett Vermummt durch die Straßen zogen und es aus dem Zug heraus auch zu Angriffen auf Passanten, Gegendemonstranten und Journalisten kam.5

Der Anfang der Tragödie

Tabelle DresdenDie Neonazi-Aktionen zum Jahrestag der Bombadierung Dresdens haben spätestens seit 1998 Tradition. Zogen am 1998 noch wenige dutzend Nazis unangemeldet zur Frauenkirche, so waren es im Jahr darauf schon gut 200.6 In den folgenden Jahren gewann der Aufmarsch zunehmend an regionaler und letztendlich auch überregionaler Bedeutung. Der stetig steigende Mobilisierungserfolg der sächsischen Naziszene und der gewohnt ungestörte Ablauf machte die Demonstration spätestens seit 2004 auch für Nazis aus anderen Bundesländern interessant, so dass die TeilnehmerInnenzahl in dem Jahr auf ca. 2.100 weiter gesteigert werden konnte. Mit dem „runden Jubiläum“ zum 60. Jahrestag im Jahr 2005 führte eine beispiellose Mobilisierung daher mit 6.500 zu einem Teilnehmerrekord in einer Dimension, die man bis dahin nur von Traditionsaufmärschen wie in Halbe oder Wunsiedel gewohnt war.
Über die Jahre kristallisierte sich folgendes Zeremoniell heraus. Am 13. Februar Vormittags, ein gemeinsames Gedenken mit der Stadt, den Bürgern, Burschenschaftern und Neonazis aus NPD und Kameradschaften auf den Heidefriedhof. Sofern der 13. nicht auf einen Samstag fällt, wurde nun meist ein von Aktivisten aus dem Kameradschaftsspektrum organisierter Fackelmarsch durchs abendliche Dresden abgehalten. Am nächstgelegenen Samstag folgte dann in der Regel der zentrale von der JLO organisierte Trauerzug.
Nach dem Wegfall der bundesweiten Aufmärsche (Wunsiedel im Jahr 2005 und Halbe im Jahr 2007) stellte das „Gedenken“ in Dresden, zusammen mit den Aufmärschen zum 1. Mai und dem „Antikriegstag“ in Dortmund einen willkommenen Ersatz für die Szene dar. Die Organisatoren des „Trauermarsches“ in Dresden profitierten davon besonders, so dass sich der 13. Februar seit einigen Jahren zu einer festen Konstante im Terminkalender der Naziszene entwickelt hat und vom größten regelmäßig stattfindenden Nazitreffen Europas ausgegangen werden muss.

Die Teilnahme hat Tradition

Mit dem Bedeutungsgewinn des Neonaziaufmarsches intensivierte sich auch sukzessive die Teilnahme von Nazis aus Mecklenburg-Vorpommern (MV). Fuhren 2003 und in den Jahren davor noch lediglich einzelne Neonazis und kleinere Reisegruppen aus MV nach Dresden, so wurde zum 59. Jahrestag 2004 die Teilnahme bereits mit mehreren Reisebussen massiv konzentriert.7 Neben den altbekannten Kameradschaftsstrukturen der „Mecklenburgischen Aktionsfront“ (MAF) und dem „Sozialen und Nationalen Bündnis Pommern“ (SNBP, 2004 jedoch noch unter dem Label „Pommersche Aktionsfront“) spielte auch die NPD-Stralsund eine Rolle bei der Organisation der jährlichen Kaffeefahrt nach Sachsen.
Zum 60. Jubeljahr wurden die Vertreter aus MV dann noch zahlreicher, so traten hier unter Anderen auch die „Autonomen Nationalisten Rostock“ auf, welche (vorher unter dem Label Hatecrew88) bereits im Rostocker Umland für Aufsehen sorgten.8
Gemäß der Abhängigkeitsverhältnisse innerhalb der Szene in MV, stießen die Aufrufe des „Aktionsbündnis gegen das Vergessen“ zu einem von der NPD explizit unabhängigen Aufmarsch außerhalb des Wochenendes hingegen bisher auf wenig Resonanz.

400 Neonazis aus Mecklenburg-Vorpommern

In diesem Jahr, stellten die Neonazis aus dem Nordosten der Republik wieder eine der zahlreichsten Reisegruppen. Neben den traditionellen Blöcken des SNBP (mit Neonazis aus dem Raum Ücker-Randow, Greifswald und Stralsund) und der MAF (mit Neonazis aus dem Raum Rostock, Neubrandenburg und Güstrow) stellte der noch relativ neue „Widerstand Wittenburg Waschow“, um den Rechtsradikalen Rainer Stanke, einen dritten Block.
An Parteiprominenz liessen sich neben Udo Pastörs, Tino Müller, Stefan Köster, Michael Andrejewski und Raimund Borrmann (in gewohnt unkonventionellem Outfit) aus der NPD-Landtagsfraktion, auch deren Zuarbeiter und Gehilfen, wie etwa Torgai Klingebiel, Andreas Theißen, Dirk Arendt, Marco Müller und Andreas Molau blicken. David „Stöpsel in der Nase“ Petereit betätigte sich zudem als Ordner.9
Zusammengenommen dürfte es sich um ungefähr 400 Personen aus Mecklenburg-Vorpommern gehandelt haben.

Fazit

Da es sich in diesem Jahr weder um einen runden Jahrestag handelte und der 13. auch nicht auf einen Samstag fiel (die Mobilisierungsbedingungen also weniger günstig waren), ist die ungewohnt hohe TeilnehmerInnenzahl von 6.500 Personen als Indiz für eine steigende Beliebtheit des Events „Dresden“ in der europäischen Neonazi-Szene zu werten.
Für das kommende Jahr, dem „65. Jubiläum“ der Luftangriffe auf Dresden, an dem der 13. Februar auf einen Samstag fällt ist daher mit einem weiteren Zuwachs der TeilnehmerInnenzahlen zu rechnen. Einer intensiven und bundesweiten Mobilisierung der Neonaziszene, kann aus Erfahrung jedoch nur durch öffentlich-städtisches Engagement (wie etwa 2008 in Köln) in Verbindung mit einem starken zivilgesellschaftlichen und antifaschistischen Protest entgegengewirkt werden. Öffentliche Stellen zeigten sich in Dresden bisher jedoch desinteressiert und die Zivilgesellschaft als nicht mobilisierungsfähig.

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Paul Bedeking

Fußnoten:

  1. Zum Hintergrund um die Auseinandersetzung der Neonazis mit dem Luftangriffen auf Dresden und dem hier in besonderer Weise manifestierten deutschen Opfer Mythos, sei der Artikel von Jan Geber in der Phase2 Nr. 23 empfohlen. (online unter phase2.nadir.org) [zurück]
  2. „Geh Denken“ ist ein bürgerliches Bündnis, welches sich die Vereinigung von Protest gegen die Nazis und Gedenken an die Luftangriffe zum Ziel gesetzt hat. (www.geh-denken.de) [zurück]
  3. Vgl. „Im Fackelschein durch die Stadt“ vom 13.02.2009 auf www.recherche-ost.com [zurück]
  4. Vgl. „Großaufmarsch der Geschichtsrevisionisten“ vom 14.02.2009 auf www.recherche-ost.com [zurück]
  5. Vgl. „Angriffe auf Journalisten“ vom 14.02.2009 auf www.recherche-ost.com [zurück]
  6. Siehe hierzu die online-Dokumentation zum 13. Februar in Dresden auf der Website der Antifa Dresden (venceremos.antifa.net) [zurück]
  7. Siehe hierzu den „Verfassungsschutzbericht 2004“ des Verfassungsschutz-MV, als Download auf www.verfassungsschutz-mv.de [zurück]
  8. Vgl. „Risse in der „Volksfront von rechts“?“ in: „Perspektiven“ Nr. 3, Rundbrief der Landesweiten Opferberatung Lobbi-MV, als Download auf www.lobbi-mv.de [zurück]
  9. Vgl. „Missbrauchtes Gedenken: Die Demonstration der Rechtsextremen in Dresden“ vom 14.02.2009 auf www.endstation-rechts.de [zurück]

3 Antworten auf “Schaulaufen der Geschichtsrevisionisten”


  1. 1 ret marut 21. Februar 2009 um 16:31 Uhr

    „und die Zivilgesellschaft als nicht mobilisierungsfähig“ – bei ca. 10.000 TeilnehmerInnen aus eben dieser Zivilgesellschaft, die sich antifaschistisch in Dresden positionierten schon eine ziemlich absurde Deutung zum Schluß eines wirklich guten (und v.a. gut recherchierten) Beitrages.
    Das Problem in Dresden war doch nicht, daß zu wenig Menschen gegen die FaschistInnen auf den Beinen waren, sondern der Mangel an klarer politischer Orientierung und gemeinsamer Handlungsbereitschaft. Ich empfehle in der jW vom 20.02.2009 den Taktik-Kassiber (1) von Commander Shree Stardust zu lesen, der gerade auf diese fehlende strategische Organisierung (also gemeinsame Antifa-Bündnisse, Protestmassen direkt an die Demoroute der Nazis lotsen und dort blockieren etc.) dieses Potentials eingeht.
    Wie gesagt, ansonsten ein sehr guter Artikel von euch, der v.a. auch zeigt, wie stark die Kontakte zwischen den Nazi-Strukturen in Sachsen und MV sind, wie stark das Mobilisierungspotential der Nazi-Strukturen aus MV für den revanchistischen Dresden-Aufmarsch in den letzten Jahren angewachsen ist.

  2. 2 Administrator 21. Februar 2009 um 20:42 Uhr

    Den Beitrag des Commanders (http://www.jungewelt.de/2009/02-16/049.php) habe ich natürlich auch gelesen, dennoch halte ich seine Analyse der beiden Situation nur für eingeschränkt richtig.
    Entschloßenheit ist hierbei aber wirklich ein wichtiger Aspekt und gerade der fehlte dem bürgerlichen Bündnis.
    Anders als in München galt es in Dresden nämlich nicht nur einen Platz zu besetzen sondern eher andersherum die Innenstadt zu „verteidigen“.
    Die großen Ankündigen des Geh-Denken Bündnisses den Naziaufmarsch stoppen zu wollen und die daraus resultierenden großen Hoffnungen wurden aber ziemlich drastisch enttäuscht. Weder gab es irgendwelche Versuche auch nur irgendetwas in Richtung Naziaufmarsch zu unternehmen noch wurde Werbung gemacht doch wenigstens mal hinzugehen. Und die TeilnehmerInnenzahl lag dennoch weit unter dem Erwarteten. Hier muss zudem zwischen den Zahlen der drei Geh-Denken Demos und denen der Abschlusskundgebung unterschieden werden.

    Der Anteil der Demonstrationsteilnehmer der wirklich motiviert war in Sachen Nazidemo etwas zu unternehmen, war verschwindend gering, und das ist ein großer Unterschied zu München und auch zu Köln. Von daher will ich meinen Vorwurf der Unfähigkeit der Zivilgesellschaft für so ein Event zu mobilisieren noch einmal bekräftigen. Ihr fehlt es eindeutig an Attraktivität und den Möglichkeiten, was natürlich umso tragischer für die einzelnen couragierten Protagonisten ist.
    Es ist an so einem Tag kein Erfolg 10.000 Personen zu einem Gratis-Konzert mit Sebastian Krumbiegel zu überreden.

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    P.B.

  3. 3 Roger 25. Februar 2009 um 23:19 Uhr

    bei den ca. 500.00 einwohnern von dresden sind das grade mal 2%, die da auf die straße gehen. Wenn man dann noch die zugereisten Leute abrechnet, kommt man auf jedn fall auf eine „mobilisierungsunfähige“ Zivilgesellschaft in dresden.

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