Fight homophobia! – eine spontane Demonstration in Rostock


Über die Unfähigkeit der deutschen Linken zur Sache zu diskutieren.

Als in der Nacht zum vergangenen Sonntag ein in schwarz gekleideter und mit einem Maschinengewehr bewaffneter Vermummter ein Blutbad in einem Club für homosexuelle Jugendliche in Tel Aviv verübte, bei dem zwei Menschen starben und elf weitere teilweise schwer verletzt wurden, gab es weltweit vielfältige Proteste und Solidaritätsaktionen. Unter anderem auch am Montag in Rostock. Das mediale Echo, insbesondere auf dem linken Kotzkübel Indymedia, ist dabei bezeichnend und Grund zur Bestürzung über die Situation einer sich als radikal gebärenden Linken in Deutschland.
Unter dem Motto „Stay Queer, Never Fear – Wut, Trauer und Solidarität mit den Opfern aus Tel Aviv!“ demonstrierten knapp 50 Menschen spontan durch die Rostocker Innenstadt um zu zeigen das es ihnen nicht egal ist, wenn Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder auch nur wegen ihres Engagements für Gleichstellung zur Zielscheibe für homophobe Gewalttäter werden. Ein Artikel auf dem Internetnachrichtenportal „Indymedia“ berichtet darüber.1
Die mediale Reaktion, welche ebenfalls im Rahmen des Webprojektes Indymedia stattfand, zeigt besonders deutlich den desaströsen Zustand der deutschen Linken und lässt sich an eben diesem Beispiel, stellvertretend für viele andere linke Medienprojekte, besonders gut auf den Punkt bringen.
So schrieb gleich eine der ersten KommentatorInnen:

momentan wirken all die Demonstrationen, Solidaritätsbetonungen und Kritiken nicht wie eine verständliche Verurteilung eines widerwertigen und verurteilenswerten Übergriffs in Tel Aviv. Sondern vielmehr wie eine Art Angriff auf die israelische Gesellschaft – ganz getreu der antizionistischen Manier in der auch sonst Chavez gelobt, Verbrechen verschwiegen – und Israel deligitimiert.

Während etwa zeitgleich und unabhängig voneinander die andere Fraktion verlauten liess:

Sehr schön das sich gleich spontan was formiert hat, scheint also in D-Land, nicht nur Antideutsche zu geben, und, das dies sogar im Osten der Fall ist, freut mich umso mehr!
Solidarischer Gruß aus dem Süden.

Beide Einträge sind symptomatisch für die Rezeption eines linken Konfliktes, welche nicht nur nichts mehr mit originär Antideutschen Positionen zu tun hat, sondern auch an Absurdität und Unwissenheit von Jahr zu Jahr und von Kommentar zu Kommentar zunimmt. Beide KommentatorInnen scheinen nicht nur keine Ahnung davon zu haben, welchen Charakter die Demonstration trug, sondern ebenfalls nicht zu wissen dass die Schlagworte „Tel Aviv“ und „Demonstration“ allein als Grundlage für einen gehaltvollen Kommentar nicht ausreichen. Die in der Kommentarspalte vertretenen Standpunkte lassen sich in dieser oder ähnlicher Form und in unzähligen Varianten auf diesem und auch auf anderen linken Medienportalen wiederfinden. Und ebenso unqualifiziert wie die Häufigkeit ihrer Verbreitung ist auch ihr Inhalt. Es spricht eine unglaubliche Regression aus der Tatsache, dass eine Veranstaltung mit Israel-Bezug in egal welcher Weise ausreicht, um die vermeintlichen Protagonisten der jeweiligen Lager hervorzulocken und ihren Bullshit in die Welt hinaus zu schreien.

Die jeweiligen Idealtypen des „Antiimp“ und seinem Gegenstück dem „Antideutschen“, wie sie sich in diesem Fall äußern, stellen dabei eher eine unglaublich peinliche Karikatur der ursprünglich sich gegenüberstehenden Positionen dar. Die jeweiligen Signalwörter und Codes bilden das Startsignal sich gegenseitig mit Antisemitismusvorwürfen und, meist in Reaktion darauf, tatsächlich antisemitischer Abwehrreaktionen zu beschmeissen, bis der eigentliche Gegenstand der Nachricht aus dem Fokus gerät.
Das eine Solidaritätsaktion gerade in diesem Fall nicht etwa genau das bedeuten kann, was auch im eigentlichen Artikel steht – nämlich die Erklärung der Solidarität mit den israelischen Opfern – ist für das geneigte Indymedia-Publikum undenkbar. Ein Antizionistisches Grundmotiv daher sehr wahrscheinlich, genau wie die Beifallsbekundungen der tatsächlichen Antisemiten, unter den Indymedialesern, die genau diesen unberechtigter Weise unterstellten Antizionismus auch noch für gut befinden.
Das eine israelsolidarische Haltung nicht auch gerade einen Grund dafür liefert, aus diesem Anlass auf die Straße zu gehen, und für die Grundwerte der Israelischen Gesellschaft, welche die Gleichberechtigung von Lesben, Schwulen und Transgender mit einschließt2 auf die Straße zu gehen, kommt dem sich als „Antideutsch“ gebenden Charakter in dieser Online-Schlammschlacht genauso wenig in den Sinn, wie der „Antiimperialistische“-Gegenpart wahrnehmen könnte, dass auch tatsächliche Antideutsche unter den Demonstranten sind.

Unter dem Strich zeigt dieses Ereignis erneut in bedrückender Deutlichkeit, das kein Indymedia oder zumindest eines ohne Kommentarspalte, wesentlich sinnvoller wäre als das was sich seit 2001 unter der Domain de.indymedia.org abspielt.

  1. Siehe dazu „Solidemo für Tel Aviv in Rostock“ vom 03.08.2009 auf Indymedia (de.indymedia.org) [zurück]
  2. In Israel ist es immerhin gesellschaftlicher Konsens, dieses Verbrechen zu verurteilen. Selbst die als orthodox geltende Shas-Partei sah sich genötigt dieses Attentat „ohne Abstriche“ zu verurteilen. [zurück]

9 Antworten auf “Fight homophobia! – eine spontane Demonstration in Rostock”


  1. 1 TaP 04. August 2009 um 5:40 Uhr

    Muß es nicht statt:

    „Das eine Solidaritätsaktion gerade in diesem Fall nicht etwa genau das bedeuten kann, was auch im eigentlichen Artikel steht – nämlich die Erklärung der Solidarität mit den israelischen Opfern – ist für das geneigte Indymedia-Publikum undenkbar.“

    vielmehr heißten:

    „Dass eine Solidaritätsaktion gerade in diesem Fall genau das bedeuten kann, was im eigentlichen Artikel steht – nämlich die Erklärung der Solidarität mit den israelischen Opfern – ist für das geneigte Indymedia-Publikum undenkbar.“?

    Also:

    -- „dass“ oder „daß“ statt „das“.
    -- „in etwa“ weg.
    -- und „auch“ vielleicht auch noch weg???

  2. 2 Indyfan 04. August 2009 um 8:56 Uhr

    *kotz*

    So, jetzt ist dein Blog auch ein Kotzkübel…Volltrottel!

  3. 3 Besserscheitern 04. August 2009 um 10:03 Uhr

    Mit dem Indy-Diss machst du allerdings selbst das was du beklagst. ;)

  4. 4 Benjamin 06. August 2009 um 9:36 Uhr

    Ein sehr guter Artikel!

  5. 5 Rote_Angel 09. August 2009 um 12:59 Uhr

    Skandal: Auf indy werden peinliche Kommentare geschrieben!
    Skandal: ‚Antideutsche‘ und ‚Antiimps‘ überbieten sich gegenseitig in ihrer ideologischen Verblendung!

    Wegen ein paar dämlicher Kommentare wird deswegen gleich ein ganzer Artikel geschrieben?
    Der linke ‚Kotzkübel indymedia‘ , ‚die deutsche Linke‘ und deren angeblicher Unfähigkeit irgendwas zu können.

    Methodisch wäre wohl zunächst zu diskutieren, ob es überhaupt angemessen sei aus der Verirrung von einer Handvoll Kommentare, die ja auch nicht zwangsläufig von Anhängern der linksradikalen Szene stammen müssen, auf die gesamte deutsche Linke zu schließen.
    Bemerkenswert, dass die Qualität von indymedia ausgerechnet an Kommentaren festgemacht wird, die entweder nach unten geschoben oder wegen offensichtlicher Trollerei sogar entfernt worden sind. Der Artikel der über die Spontandemonstration berichtet, bleibt bei der Bewertung anscheinend außen vor. Erwähnung findet er nur in dem Zusammenhang, dass er vermeintlich unverstanden bleibt. Dass Menschen ihn gelesen haben könnten und die ‚Message‘ angekommen ist, ohne dies via Kommentarspalte rückzumelden, scheint dies nicht auch plausibel?
    Während in dem Bericht niemand von dem Nahost-Konflikt spricht, projiziert useless seine Sicht dort hinein. Nicht nur das Verbrechen ist abscheulich – Nein aus einer Israel-solidarischen Sichtweise fällt natürlich sofort ins Auge: Die Tat verstößt gegen die israelische Grundsätze und dem israelischen Konsens.
    Nationen sind Konstrukte? Pustekuchen!
    Ich kann mich erinnern, dass die tödlichen Anschläge gegenüber Asylbewerber in Deutschland auch unisono verurteilt worden sind – allerdings spricht man in diesem Zusammenhang von einem rassistischen Grundkonsens in der deutschen Nation. In Israel dagegen geriert sogar die offen sexistische und rassistische Schas-Partei zur Zeugin einer konsensualen Verurteilung der Tat. Ein möglicher Zusammenhang zwischen der rechtskonservativen Hetze und der Tat wird nicht thematisiert.
    Die Ereignisse in Tel Aviv gäben viel Raum zum Nachdenken. Über die Widersprüchlichkeit der israelischen Gesellschaft, über die Lage von Schwulen/Lesben/Transgender/Queer weltweit.
    Oder man geifert sich an zwei Kommentare auf.
    Das sagt aber auch irgendwie etwas über manche in der linken Szene…

  6. 6 Replik 10. August 2009 um 19:33 Uhr

    Ist hier vielleicht etwas im Filter hängengeblieben?

  1. 1 Heute gelesen (04.08.) « Theorie als Praxis Pingback am 04. August 2009 um 5:36 Uhr
  2. 2 Aufschlag in der Wüste des Realen « Lysis Pingback am 04. August 2009 um 16:53 Uhr
  3. 3 nach dem anschlag in tel aviv « lipstick.Israel Pingback am 12. August 2009 um 8:56 Uhr

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