Your revolution was just an illusion!

Leipzig
Ein kurzes Resümee des Protestes gegen die Wendefeierlichkeiten in Leipzig.

Unter dem Motto „Still not lovin‘ Germany“ zogen gestern nach verschiedenen Angaben zwischen 1 300 und 1 800 Menschen durch die Leipziger Innenstadt um eine radikale Kritik an der deutschen Version der Geschichte des Endes der DDR und der Wiedervereinigung zu üben. Dem vorraus ging am 09. Oktober eine bürgerliche Demonstration mit über 100 000 TeilnehmerInnen, auf der eben jenes Geschichtsbild propagiert wurde, demnach 1989 von Leipzig eine „friedliche Revolution“ ausgegangen wäre, in deren Folge nicht nur der Realsozialismus sein Ende gefunden hätte, sondern auch gleich sämtliche vorstellbare Ungerechtigkeit.
Im Folgenden eine Auswahl der Aufrufe, Redebeiträge und verteilten Flugblätter, sofern sie bereits online abrufbar sind:
„Still not lovin‘ Germany“
Der Aufruf zur bundesweiten Demonstration des AK 2009
„20 Jahre Antifa: Still not loving Reality“
Eine Kritik am Aufruf von der AG no tears for krauts Halle
„20 Jahre antideutsch-antifaschistischer Widerstandskampf“
Eine weitere Kritik am Aufruf von Hannes Gießler aus der CEE IEH #169

Wie bereits ein Artikel von Endstation-Rechts im Vorfeld vermuten liess, war es besonders der SPD unangenehm, dass die öffentliche Zeremonie, in der sich Leipzig stellvertretend für ganz Deutschland selbst feiert, auch einer öffentlichen Kritik ausgesetzt werden sollte.1 Fassungslos aber besonders sozialdemokratisch tat sich dabei Leipzigs SPD-Fraktionschef Axel Dyck in der Leipziger Volkszeitung (LVZ) hervor:2

„Der Aufruf zu dieser Demonstration ist eine Beleidigung der Leipziger und vieler Bürger in diesem Land“
„Die Aussagen sind an der Grenze zur freien Meinungsäußerung und der Ort ist hochgradig provokativ gewählt. Wer einen Tag nach dem 9. Oktober, den wir mit einem großen Fest begehen, so eine Demo anzettelt, der hat in den letzten 20 Jahren nichts kapiert. Ich lehne die Intention dieser Demonstration zutiefst ab …“

Die SED-Spitze wird wahrscheinlich ähnlich argumentiert haben, als sich während der Feierlichkeiten zum 40. Republikgeburtstag am 07. Oktober 1989 eine entsprechend kritische Demonstration einfand.

  1. Siehe dazu den Artikel „Versuch der politischen Selbstverteidigung: Zur Initiative gegen jeden Extremismusbegriff (INEX)“ vom 07.10.2009 auf www.endstation-rechts.de veröffentlicht.[zurück]
  2. Zitiert nach dem Artikel „Antifa-Anhänger demonstrieren in Leipzig – Protest gegen Feiern zum 9. Oktober“ vom 10.10.2009 auf www.lvz-online.de [zurück]

8 Antworten auf “Your revolution was just an illusion!”


  1. 1 gruppe sur l`eau lübeck 11. Oktober 2009 um 22:35 Uhr

    Auch wir haben einen Aufruf zur Demonstration in Leipzig verfasst, der gleichzeitig eine inhaltliche Kritik des Aufrufs der Leipziger Gruppen beinhaltet:
    http://gruppesurleau.blogsport.de/2009/10/03/leipzig-10102009/

  2. 2 Red_Angel 15. Oktober 2009 um 0:42 Uhr

    „Dem vorraus ging am 09. Oktober eine bürgerliche Demonstration mit über 100 000 TeilnehmerInnen, auf der eben jenes Geschichtsbild propagiert wurde, demnach 1989 von Leipzig eine „friedliche Revolution“ ausgegangen wäre, in deren Folge nicht nur der Realsozialismus sein Ende gefunden hätte, sondern auch gleich sämtliche vorstellbare Ungerechtigkeit.“

    Also dafpr hätte ich gerne mal einen Beleg, dass man glaubte mit der Wende seien alles Ungerehte auf der Welt verschwunden. Im Gegenteil gerade in der Frühphase gibt es sehr viele, die für einen ‚Sozialismus mit menschlichen Zügen‘ kämpfen.

  3. 3 Administrator 16. Oktober 2009 um 10:56 Uhr

    Wie auch dir nicht entgangen sein sollte, geht es hier wie auch bei der Demo weniger darum, wofür die Oppositionellen und sonstigen Ostdeutschen 1989 demonstriert haben, sondern darum was die deutsche Geschichtsschreibung 20 Jahre später daraus macht.

  4. 4 Red_Angel 18. Oktober 2009 um 1:17 Uhr

    Mein Fehler. Aber so dreist lügt auch keiner…

    Wenn man sich die Reden etwa des Bundespräsi zur Gemüte führt, sieht man, dass der Mythos von Leipzig nicht in der Erreichung eines paradiesischen Zustandes liegt, sondern in dem Märchen von der friedlichen Revolution die gegen die geballte Staatsgewalt durchgeführt worden ist.

    Die Peinlichkeit der Rede, wo Mythen einfach mal so ungeprüft übernommen worden sind, ist wohl kaum noch zu überbieten. Dagegen wurden in den Reden durchaus noch die sozialen Unterschiede zwischen Ost und West angesprochen. Insofern würde ich dann gerne mal eine Quelle haben, wo behauptet wird, dass die ‚Revolution‘ von damals, sämtliche Ungerechtigkeit beendet hat, denn du behauptest die Konstruktion eines speziellen Geschichtsbildes, welches sich mir nicht so darstellt.

    Wann werden eigentlich meine anderen Kommentare freigeschaltet, die noch im ‚Filter‘ hängen?

  5. 5 Besserscheitern 19. Oktober 2009 um 13:36 Uhr

    Mir kommt das Useless Blog in Bezug auf die (eigene) DDR Aufarbeitung ziemlich inkonsistent vor. Hier finden sich sehr viele Postionen nebeneinander, die bisweilen einander ausschließen sollten: DDR Verurteilung, Verteidigung der besseren DDR, Lob der Basisdemokratie, Schelte der Sozialdemokratie, Kritik der Konstruktion nationaler Identität und politische Verteidigung von Feierei der Ereignisse, die im höchsten Maße zur Konstruktion nationaler Identität geeignet sind. :-S Ich kapier es nicht. :(

  6. 6 Administrator 19. Oktober 2009 um 14:07 Uhr

    Wo wird denn hier die „bessere DDR“ verteidigt? Bisweilen wird diesem Blog doch mit unter durch die Zuhilfenahme sehr drastischer Schimpfwörter vorgeworfen, die DDR nicht genügend zu würdigen.
    Nenne mir doch einfach ein paar Beispiele, damit ich besser antworten kann, oder warte einfach noch einige Wochen und Monate. Zumindest nähern sich in der nächsten Zeit einige historische Daten die in Form von Artikeln behandelt werden sollen und vielleicht Licht in das Positionswirrwarr bringen.

  7. 7 Administrator 30. Oktober 2009 um 11:55 Uhr

    Die Leipziger INEX hat ihren Redebeitrag mit dem Titel „Kritik des Antinationalismus“ inzwischen ebenfalls online gestellt.

    http://inex.blogsport.de/2009/10/19/redebeitrag-der-inex-auf-der-demo-am-1010/

  8. 8 rufus 02. November 2009 um 18:07 Uhr

    klein aber fein … alles in allem hätte mensch sich eine etwas breiter ausgeführte eigene meinung wünschen können! darüber hinaus scheint der angeführte vermeintliche zusammenhang zwischen spd und sed eher obsolet und wenig angebracht. schade, dass die kritik hier lediglich aufgeführt, nicht aber einer eigenen kritik unterzogen und kommentiert wurde.

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