Volksmob in Gadebusch

Volksmob in Gadebusch

In Gadebusch spielen Neonazis und Journalisten mit dem Feuer.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt zur Zeit gegen einen 22-Jährigen aus Gadebusch, da gegen ihn der dringende Verdacht des sexuellen Missbrauchs an drei Kindern besteht. Er soll im Beisein der Kinder Pornofilme geschaut und sie anschließend berührt haben. Soweit der Vorwurf.
Je nach Version, haben entweder die Kinder oder der mutmaßliche Täter selbst, den Vorgang den Eltern berichtet. Es kam zu einer Anzeige, so dass das Amtsgericht Schwerin am vergangenen Montag schliesslich Haftbefehl erlassen hatte.
Der Verdächtige wurden jedoch wieder freigelassen bzw. der Vollzug des Haftbefehls ausser Kraft gesetzt. Dies kann mehrere Gründe haben. Der Staatsanwalt erklärte gegenüber der Schweriner Volkszeitung (SVZ): „Es wurde die Auflage erteilt, dass er sich einmal wöchentlich bei der Polizei melden muss und es gibt ein absolutes Kontaktverbot zu den betroffenen Kindern“.1 Dass der vermeintliche Täter nicht vorbestraft ist könnte weiterhin eine Rolle bei der Entscheidung gespielt haben, zudem wird in der SVZ aber aus juristischer Perspektive argumentiert, dass es sich bei der Tat um kein Verbrechen sondern ein Vergehen gehandelt habe. Dies dürfte dann der entscheidende Grund für die Entscheidung gegen eine Untersuchungshaft gewesen sein.2

„Volkes Zorn“

Daraufhin entwickelte das Thema eine Dynamik, wie sie kein anderes Thema hervorzurufen vermag. Per „Ketten-SMS“ riefen Anwohner dazu auf sich vor der Wohnung des Verdächtigen zu versammeln und so waren es schliesslich ca. 250 Personen, die sich stilecht mit Fackeln und Transparenten am späten Dienstagabend zum grölenden Mob vereinten. Ihre Forderung – der Wegzug des Verdächtigen – wollte die teilweise betrunkene Menge anschließend gewaltätig in die Tat umsetzen, so dass die örtliche Polizei schliesslich mit 40 BeamtInnen ein Eindringen in das Haus verhindern musste. Dass sich der betreffende Täter aber längst nicht mehr in der Stadt befand interessierte den Mob genauso wenig wie die Tatsache, dass sich unter ihnen auch organisierte Neonazis befanden, welche die Stimmung gezielt anheizen wollten.
Die Ostsee-Zeitung berichtet daher auch von 2 Kreistagsmitgliedern der NPD, die mit ihren Anhängern ebenfalls vor Ort waren.3 Dabei dürfte es sich um Sven Krüger und David Böttcher handeln, welche seit der Kommunalwahl im vergangenen Sommer für die NPD im Kreistag von Nordwestmecklenburg sitzen.

„Gemeinschaftserlebnis Kindermord“

Die Leipziger Initiative gegen jeden Extremismusbegriff (INEX) hat zu diesem Thema unter dem Titel „Gemeinschaftserlebnis Kindermord“ einen Artikel im aktuellen Antifa Infoblatt (AIB) veröffentlicht, in dem genau diese gesellschaftliche Dynamik beschrieben wird, welche sich unabhängig von Stadt oder Land zu entwickeln vermag und ein erschreckend großes Ausmaß an Regressivität offenbar werden lässt.4
Es ist der Reflex wider besseren Wissen nach härteren Strafen zu rufen und paradoxer Weise gleichzeitig in völliger Missachtung der Prinzipien des starken Staates nach dem sie rufen, auch noch Verständnis für den Lynchmob in Spe zu verkünden. So wird die empirische Erkenntnis, das Verbrechen dieser Art seit Jahren rückläufig sind ebenso ignoriert, wie die Gewissheit, das sich durch öffentliche Bestrafungsakte weder potentielle Täter abschrecken noch sexuelle Übergriffe rückgängig machen lassen. In welcher Hinsicht der Mob in Gadebusch den betroffenen Kindern durch den öffentlichen Fackelmarsch geholfen haben soll, können die Gadebuscher genauso wenig erläutern wie die Journalisten aus den Lokalmedien, die in unsachlicher Manier die Seele des Volksmob streicheln. So etwa in einem Kommentar der Ostsee-Zeitung:

„… Ein 22-jähriger mutmaßlicher Sexualstraftäter wurde nach der Festnahme wieder auf freiem Fuß gesetzt. Eine Entscheidung, die auf Unverständnis stöß und Volkes Zorn heraufbeschwört. …“
„… Die Reaktion der Gadebuscher ist verständlich. Auch wenn Hausbelagerungen und Bürgerprotest keine Lösung sind, Aufmerksamkeit bringen sie allemal. Die Menschen haben im Interesse der Sicherheit ihrer Kinder ein Recht auf umfassende Aufklärung, doch daran scheint es hier zu mangeln. …“
„… Gadebusch ist eine Kleinstadt, in der sich niemand bis zum Abschluss der Ermittlungen verstecken kann. Der Umgang mit Sexualstraftätern, ob vor oder nach Strafverbüßung, ist schwierig. …“5

Die Neonazis der Rostocker Kameradschaft „Nationale Sozialisten Rostock“ drücken die Botschaft auf ihrer Website mit dem Slogan „Todesstrafe für Kinderschänder“ ungleich deutlicher aus. So ist es auch kein Wunder, dass bereits weitere „Proteste“ nach Art der „Fackelnacht“ vom Dienstag befürchtet werden und die Neonazis der Region darauf hoffen dürfen, erneut Gelegenheit zur Inszenierung zu bekommen. Schwerer wiegt dabei viel eher die Befürchtung, das selbst für den unwahrscheinlichen Fall, dass sich der Gadebuscher Mob von seinen Nazis distanzieren sollte, keine kritische Auseinandersetzung mit dem regressiven Charakter des „Bürgerprotestes“ zu erwarten ist.

  1. Siehe „Missbrauchs-Verdächtiger auf freiem Fuß“ auf www.svz.de vom 28.10.2009 [zurück]
  2. Vergleiche „Polizei bremst Wut der Anwohner“ auf www.svz.de vom 29.10.2009[zurück]
  3. Siehe „Gadebusch: Proteste gegen entlassenen Sexualtäter“ auf Seite 1 der Ostsee-Zeitung vom 29.10.2009 [zurück]
  4. Siehe Ausgabe 84 vom Herbst 2009 und www.antifainfoblatt.de [zurück]
  5. Zitiert nach dem Kommentar „Proteste gegen Kinderschänder – Aufklären“ aus der Ostsee-Zeitung vom 29.10.2009, Seite 2. [zurück]
  6. Bei dem Titelbild handelt es sich um ein Faksimile der Seite 6 der Ostsee-Zeitung vom 29.10.2009.

8 Antworten auf “Volksmob in Gadebusch”


  1. 1 m-v-bewohner 30. Oktober 2009 um 16:26 Uhr

    was erwartet man auch von einem volk von bildzeitungslesern und vor allem einem volk das cdu/fdp waehlt…
    mal abgesehen davon das grade in m-v das bildungsniveau unter dem durchschnitt liegt was auch nicht verwundert wenn man sich klar macht das m-v der aermste teil der brd ist

  2. 2 hate 30. Oktober 2009 um 18:58 Uhr

    wenn ich schon dieses jogginghosen-kaputzen-volk da vorm plattenbau sehe, wird mir kotzuebel…

  3. 3 Administrator 30. Oktober 2009 um 22:14 Uhr

    Der NPD Landesverband berichtet im übrigen bereits, dass einer ihrer Kreistagsabgeordneten eine Kundgebung am 06.11. angemeldet hät. Die Gadebuscher Fackeldemonstranten können sich jetz gratulieren.

  4. 4 hasimausi 03. November 2009 um 18:10 Uhr

    Ich könnte kotzen bei diesem Thema, besonders weil man kein echtes Gegenkonzept bieten kann!
    Das ist ein unglaublich verzwicktes Thema, das glaub ich, in der Linken noch nicht ausreichend genug behandelt wurde.
    Es stehen Rachsüchte der (Angehörigen der) Geschädigten gegen den Rechtsanspruch auf ein faires Verfahren des Beschuldigten gegen den Lynchmob und Todestrafenfanatiker gegen Schutz vor neuen (evtl absehbaren) Straftaten.

    Das die Forderung nach einer Todesstrafe ekelhaft ist, dürfte so fast jedem klar sein. Aber auch das Appelieren an den Rechtsanspruch für den mutmaßlichen Sexualstraftäter bzw. das Eingestehen der beiderseitigen Schutzfunktion des Staates ist die Punkte an denen viele gedanklich nicht weiterkommen.
    Hier gibt es viele, auch emotional aufgeladene, Klippen.
    Das die angeblich antiautoritäre, antinationale Linke eine (ebenso) paradoxe Forderung an einen schützenden Staat stellen könnte, schreckt genauso ab, wie die Parteinahme für einen mutmaßlichen Verbrecher.
    Das man im Fackel-Mob, der braunen Biedermann zu erkennen ist, ist zwar richtig, hilft aber nicht gegen Ratlosigkeit.
    Vieleicht ist da aber nur ein Konzept dazu entgangen und jemand kann mir da weiterhelfen.

  5. 5 Tomas Andersson 16. Oktober 2010 um 18:41 Uhr

    es ist ganz schön überheblich was ihr hier schreibt

  1. 1 Useless über den Mob von Gadebusch « try again. fail again. fail better. Pingback am 30. Oktober 2009 um 15:57 Uhr
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  3. 3 Wenn sie kommen… « USELESS Pingback am 12. September 2010 um 17:18 Uhr

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