
Die Societät maritim auf geschichtsrevisionistischen Abwegen.
„Das fünf Jahre währende Bombardement deutscher Städte und Gemeinden im Zweiten Weltkrieg ist ohne Vergleich in der Geschichte. Neben der Flucht und Vertreibung aus den Ostgebieten des Reiches war es die größte Katastrophe auf deutschem Boden seit dem Dreißigjährigen Krieg.“1
Dies sind die ersten beiden Sätze der Einleitung in Jörg Friedrichs Buch „Der Brand“. Das es „neben“ dem Dreißigjährigen Krieg, der Umsiedlung aus den Ostgebieten und den Luftangriffen noch den Holocaust und ein deutschlandweites Netz an Konzentrationslagern gegeben hat, bleibt nicht zufällig unerwähnt, sondern wird bewußt ausgeblendet.
Eigentlich beschäftigt sich der gemeinnützige Verein „Societät Rostock maritim“ mit dem Schiffbau, der Schifffahrt sowie deren Geschichte. Wenn es doch mal militärisch werden sollte, dann geht es höchsten um irgendwelche Seeschlachten der Vormoderne. Dennoch richtet der Verein, entgegen aller Gewohnheit, am kommenden Donnerstag eine Vortrags- und Diskussionsveranstaltung mit dem Autor Jörg Friedrich aus. Das Thema des Abends wird mit den markigen Worten „Bombenkrieg gegen deutsche Städte – Das Beispiel Rostock“ beschrieben. Das ausgerechnet Jörg Friedrich dazu konsultiert werden soll spricht für sich.
The great Friedrich swindle
Der sich selbst als Geschichtsrevisionist bezeichnende „Militärhistoriker“ machte sich seit 2002 einen Namen mit der Veröffentlichung zweier Bücher zur Geschichte des Zweiten Weltkriegs, in der
die Bombadierung deutscher Städte behandelt wird. Um genau zu sein, avancierte er neben dem damals bereits diskreditierten und verurteilten Holocaustleugner David Irving zum quasi Haushistoriker der Dresdner Opfergemeinde. Dennoch ist Jörg Friedrich kein Neonazi, er selbst leugnet auch nicht die Shoa. Ganz im Gegenteil, seine frühere Beschäftigung mit dem Dritten Reich, seiner Justiz und der dürftigen Aufarbeitung im Nachkriegsdeutschland, brachte ihm die Reputation ein, die es heute benötigt um sich an der Umdeutung des Zweiten Weltkrieges zu versuchen und nicht wie David Irving am eigenen schlechten Ruf zu scheitern.2
Wenn Keller zu Krematorien werden
Mit der Veröffentlichung seines Buches „Der Brand – Deutschland im Bombenkrieg 1940 bis 1945“ machte sich Friedrich schliesslich 2002 innerhalb weniger Wochen deutschlandweit und sogar darüber hinaus in England bekannt.
Das zentrale Anliegen dieses über fünfhundert Seiten starken Bandes ist die Behandlung eines vermeintlich verdrängten Themas, der Luftangriffe auf deutsche Städte und die Gleichsetzung dieser mit dem Holocaust. Dieses Motiv zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Buch und eben auch durch seine öffentlichen Auftritte. Entscheidendes Mittel ist für Friedrich hierbei die Sprache. Zum Zwecke der Projektion des Holocausts auf die Luftangriffe werden diese daher mit dem Vokabular der Holocaustforschung beschrieben. So werden in Friedrichs Diktion Dresdner Keller zu Krematorien, durch Bomben in Brand geratene Bibliotheken zu Bücherverbrennungen und die Bomberflugzeuge zu Einsatzgruppen. Es sind auch nicht mehr die Deutschen allein, die in Friedrichs Geschichte einen Vernichtungskrieg führen, sondern auch die Alliierten und eben dieser aus der Luft geführte Vernichtungskrieg hätte einen Zivilisationsbruch herbeigeführt.
Entkontextualisierung und Relativierung
Der vielfach unternommene Vorwurf, Friedrich würde das Geschehen in seinem Buch entkontextualisieren, wird gerne durch die bloße Nennung von Städtenamen wie London, Warschau und Rotterdam abgewiegelt. Doch was ist das für ein Kontext? Wenn auf dem Dresdner Heidefriedhof, neben dem Namen Dresden gleich die der berüchtigsten Konzentrationslager auftauchen oder eben auch bei Friedrich, ständig Parallelen zwischen Luftangriffen und dem Holocaust gezogen werden, so ist dies eine Relativierung und eine Entkontextualisierung zugleich.
Denn was nicht erwähnt wird, ist die Vorgeschichte, wie es zu diesem Krieg gekommen ist und was mit den Luftangriffen beabsichtigt wurde. Militärische Sinnlosigkeit ist dabei einer der beliebtesten Einwände der Deutschen. Der Gedanke hinter dem „moral bombing“ war die Absicht, den Durchhaltewillen der Deutschen zu schwächen und somit eher eine Kapitulation herbeizuführen und auf diesem Weg den Tod weiterer Soldaten zu vermeiden.3
Das die Deutschen sich dadurch weder vom Massenmord an Roma, Juden, Polen und Russen noch vom militärischen Kampf gegen die Alliierten der Anti-Hitler-Koalition abbringen liessen, konnte damals niemand ahnen. Es zeigte aber andererseits, das man mit der Zivilbevölkerung als entscheidende Stütze des NS-Regimes genau an der richtigen Adresse war. Schliesslich waren es die Deutschen, die sich noch in den letzten Kriegstagen im Werwolf und Volkssturm zusammenschloßen oder wie Günter Grass noch „kurz vor Schluss“ der Waffen-SS beitraten und damit die friedliche Übergabe vieler Städte und auch das Ende des vermeintlich bereits entschiedenen Krieges verunmöglichten.
Antisemitische Abwehr der Aufklärung
Auch wenn es von keinem guten Stil zeugt, so muss an dieser Stelle dennoch Theodor W. Adorno zitiert werden, da er das Friedrich zu Grunde liegende Prinzip sehr gut beschrieben hat.
„Die antisemitische Abwehr der Aufklärung konzentriert sich mit Vorliebe auf irgendwelche Daten und Fakten, die nicht absolut sicher sein sollen, wie etwa die Anzahl der ermordeten Juden, die Authentizität mancher Dokumente und ähnliches. Es wäre von vornherein falsch, sich dabei in die Kasuistik einzulassen. Statt dessen sollte man versuchen, zur Besinnung über die Formen des Denkens zu veranlassen, das sich darauf kapriziert, es wären nicht sechs, sondern nur fünf Millionen gewesen, und das dann von dort unmerklich, wie ich es wiederholt in rechtsradikalen Publikationen habe beobachten können, dazu übergeht, daß es am Ende nur ein paar Tausend gewesen seien. Generell ist es besser, über Strukturen der Argumentation aufzuklären, über die Mechanismen, die ins Spiel gebracht werden, als jeweils sich auf eine unendliche Diskussion innerhalb der Strukturen einzulassen, die von den Antisemiten gewissermaßen vorgegeben sind und durch die man a priori ihren eigenen Spielregeln sich unterwerfen würde. Beispiel: das beliebte Schema des Aufrechnens; daß es zwar wahr sei, soundso viele Juden wären umgebracht worden; „Krieg“ – so wird einem dann bedeutet – „sei Krieg, dabei flögen Späne, aber Dresden wäre doch auch entsetzlich gewesen“. Kein Vernünftiger wird das bestreiten, wohl aber das ganze Schema des Denkens, die Vergleichbarkeit von Kriegshandlungen mit der planmäßigen Ausrottung ganzer Gruppen der Bevölkerung. (…) Wirksam ist hier ein Projektionsmechanismus: daß die, welche die Verfolger waren und es potentiell heute noch sind, sich aufspielen, als wären sie die Verfolgten.“4
Und in Rostock?
Unter diesen Umständen ist am Donnerstag keine sachliche Auseinandersetzung mit den Luftangriffen 1940 und im 1942 auf Rostock zu erwarten. So lässt Friedrich bereits bei der Beschreibung der Luftangriffe in seinem Buch Rostocks Funktion als Zentrum der Rüstungsindustrie außer Acht und spielt diesen Aspekt mit lapidaren Halbsätzen herunter.5 Auch sonst nimmt der Autor es mit der Wahrheit nicht so genau. So werden zum Beispiel auch aus den ca. achthundert Todesopfern des Luftangriffes auf Stralsund am 06.Oktober 1944 einfach tausend.6 Wer solche Veranstaltungen ausrichtet, braucht sich hinterher einerseits kaum wundern das er sich bekennende Neonazis und Geschichtsrevisionisten ins Haus lockt, sondern muss sich andererseits auch den Vorwurf gefallen lassen, das er diesen Personen ein Podium bietet und damit aktiv zur Umdeutung der Geschichte beiträgt. Hans-Ulrich Wehler beschrieb die mit Friedrichs Buch verbundenen Gefahren bereits 2002 in seiner Rezension sehr treffend:
„Die Gefahr von Friedrichs Buch besteht darin, dass es, mit Leidenschaft für die hilflosen Opfer des alliierten Bombenkriegs […] den modischen Opferkult unterstützen könnte, auf neudeutsch: den „cult of vietimization“ […] . Der Rückzug auf die Opferrolle hat in der deutschen politischen Kultur eine formidable Tradition. Denn viele Deutsche empfanden sich als Opfer der „Einkreisung“ vor 1914, des Ersten Weltkriegs, der Hyperinflation, der „Großen Depression“, der Überwältigung durch den importierten Braunauer, des Zweiten Weltkriegs, der Vertreibung, der Siegerjustiz, der Spaltung.“7
- Vgl. Klappentext bei Friedrich, Jörg: Der Brand. Deutschland im Bombenkrieg 1940 – 1945. Propyläen, 5. Auflage, München 2002. [zurück]
- Siehe dazu „Jörg Friedrich Troubel in Dresden“ auf venceremos.antifa.net (http://venceremos.antifa.net/antifaaktion/jf.html) [zurück]
- Siehe dazu: „Sein Brand“ von Jens-Uwe Richter/Gunnar Schubert, erschienen im Newsflyer CEE IEH Nr. 104, Ausgabe November 2003. [zurück]
- Vgl. Adorno, Theodor W.: Zur Bekämpfung des Antisemitismus heute. In: A. Karsten (Hrsg.): Vorurteil. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1978, S. 222-246. [zurück]
- Vgl. Friedrich, Jörg: Der Brand. Deutschland im Bombenkrieg 1940 – 1945. Propyläen, 5. Auflage, München 2002, S. 183. [zurück]
- Vgl. Friedrich, Jörg: Der Brand. Deutschland im Bombenkrieg 1940 – 1945. Propyläen, 5. Auflage, München 2002, S. 187. [zurück]
- Siehe hierzu „Jörg Friedrich. Der Brand“ von Hans-Ulrich Wehler, erschienen am 06.12.2002 auf www.dradio.de (http://www.dradio.de/dlr/sendungen/politischesbuch/167343/) [zurück]
Zwei Fragen:
1) Warum postest du das auf einem Medium, welches du noch unlängst als Kotzkübel tituliert hast (http://useless.blogsport.de/2009/08/04/fight-homophobia-eine-spontane-demonstration-in-rostock/). Sieht für mich nicht wirklich konsequent aus.
2) Wie kann man eigentlich gleichzeitig relativieren und entkontextualisieren? Denn relativieren heißt ja laut Femdwörterduden: „mit etwas anderem in Beziehung bringen und dadurch in seiner Gültigkeit einschränken“, während der Kontext „[…] der inhaltliche (Gedanken-, Sinn)zusammenhang, in dem eine Äußerung steht[…]“ meint.
Vielleicht könnte das etwas näher ausgeführt werden…
1.) Indymedia hat ganz einfach eine größere Reichweite. Da in diesem Fall die Zeit relativ knapp ist, ist diese Vorgehensweise legitim.
2.) Relativiert wird der Holocaust, Entkontextualisiert wird in diesem Fall in so fern, dass die Darstellung wie es zu all dem kam nicht nur wegfällt, sondern bewußt falsche Sachen geäußert werden um einen möglichen Kontext zu verschleiern.
Alles weitere steht im Text bzw. in den Texten auf die in den Fußnoten hingewiesen wird.
„Das Betreiben des Hauses soll […] der Bildung und der Information der Öffentlichkeit zur Geschichte […] dienen.“
Noch Fragen?
Ansonsten: Schöner Beitrag. Und ich spielte vor ein paar Tagen noch mit dem Gedanken, mir das Museum anzugucken.
Die Bedeutung für die Dresdner Opfergemeinde überschätzt du hier etwas. Der Friedrich spielt in Dresden überhaupt keine Rolle. Der war einmal zu einer Veranstaltung in Dresden und das wars. Der Quasi-Historiker der Dresdner ist Matthias Neutzner, der aber in den letzten Jahren durchaus eine Wandlung zum Besseren gemacht hat.
Friedrich hat damals eher einen bundesweiten Diskurs angestoßen in dessen Zuge die Bombardierung Dresdens verstärkt in den Fokus der bundesweiten Öffentlichkeit gerückt war, weil es eben eines der stärksten Symbole für die Bombardierung deutscher Städte war, aber in Dresden selbst hat sich außer den üblichen Experten niemand für ihn interessiert. Da hat die Historikerkommission eine viel größere Rolle gespielt.
Den Vergleich zwischen Heidefriedhof und Friedrich halte ich für mißglückt. Der Heidefriedhof ist nicht angelegt worden um die Shoa zu relativieren. Sondern um den Kontext herzustellen und eben nicht nur an die deutschen Opfer zu erinnern. Den Stelenkreis kann man natürlich anders interpretieren wenn man will, aber das war nicht die Intention der Macher.
Was ist übrigens an dem Wort „Einsatzgruppe“ relativierend? Das ist doch eine ganz normale (Selbst)bezeichnung für die militärische eingesetzte Einheiten gewesen, die auch heute noch üblich ist.
Es ist übrigens nicht verwunderlich, dass Jörg Friedrich zu so einer Veranstaltung eingeladen wird, da das Buch fachlich, so weit ich das einschätzen kann, durchaus Maßstäbe setzt. Mir fällt jedenfalls kein andere so umfangreiche Monografie über den Bombenkrieg in Deutschland ein. Ärgerlich ist tatsächlich aber sein Sprachgebrauch und die Tendenz Opferzahlen gern mal nach oben zu schätzen. Wobei es auf der anderen Seite auch relativ egal ist, ob es nun 800 oder 1000 waren. Man kann ihn aber sicher bei so einer Veranstaltung in der Diskussion mal drauf ansprechen, was das soll.
In Dresden wird der eher nicht eingeladen, weil es da ganz andere Kapazitäten gibt, eben den Matthias Neutzner, empfehlenswerter ist aber Götz Bergander mit dem Buch Dresden im Luftkrieg, der bereits 1977 versucht hat, das ganze mal auf den Boden der Fakten zu holen und in der Ausgabe von 1998 schon solche Sachen wie die Tieffliegerlegenden widerlegt hat und auch die Opferzahlen in das richtige Verhältnis gesetzt hat und auch die Vorgeschichte nicht ausspart. Es geht im allgemeinen Diskurs leider immer unter, dass es auch gute Bücher gibt, deswegen war mir der Hinweis auf Götz Bergander noch mal wichtig.
@Dräsdnor
das Buch ist aber unwissenschaftlich und liest sich wie ein Roman. Nicht um sonst schreiben wohlmeinende Rezensenten stets Floskeln wie:
„Die Gestalt des Bombenkrieges gegen die deutschen Städte, eine historische Unbekannte, hat Jörg Friedrich in die dichte Sprache der Erzählung gefasst. Geschichte wird zur Geschichte. Ein faszinierender Bericht.“
Nicht umsonst wird ihm vorgeworfen sich das Buch zusammengeklaut zu haben und in vielen Fällen auf den nötigen Verweis zu verzichten. Wäre dann wohl auch zu offensichtlich was für ein Quatsch da drinn steht. Allein das gleich vier Bücher von David Irving als Quellengrundlage herangezogen werden, spricht für sich.
nur funktioniert hats leider nicht, das sollten alle angehnden Militärhistoriker_innen, aus der die Antifa-Szene ja nun mal hauptsächlich besteht, z.K. nehmen.
deine Begründung, indy erreiche mehr Menschenkinder *hust* finde ich ein ganz klein wenig unpolitisch
@Uschie
diese Erkenntnis verbirgt sich ebenfalls bereits im Text.
Und dafür das vor dem zweiten Weltkrieg jemand geglaubt hätte, dass die Deutschen derart beinharte Regimeunterstützer waren, das sie nicht mal durch Bomben demoralisieren lassen würden, gibt’s ja nun auch keine Belege.
@ admin:
da gebe ich dir in allen Punkten Recht – nur bringt mich das nicht ansatzweise in Feierlaune wie es u.a. in Dresden von Kitschliebenden Identitätsvollfosten betrieben wird.
In Dresden wird doch gar nichts mehr betrieben.
looool, mal davon abgesehen, dass da „u.a.“ steht, musst du ja nicht gleich muffeln
– in diesem Jahr gabs kein Kitsch und keine Projektion ind DD? hihi, dann war ich in ner anderen Stadt die genauso aussieht und ebenfalls den größten Naziaufmarsch in Europa hat.
um zum Wesentlichen zu kommen: ein „Abfeiern“ der erfolglosen Bombardierung ist meiner Meinung nach sinnfrei. Es hat schlicht nichts geändert. Ein ahistorisches Hereinsteigern in Form von Fähnchen, Sprechchören gegen heutige Dresdner_innen sowie die Forderungen einer erneuten Bombardierung sind nach wie vor aus linker Perspektive abzulehnen. Der Versuch das damalige Kollektiv zu reproduzieren indem man die heutigen Dresdner als Nazis beschimpft schwingt da ganz einfach mit. Über die Notwenigkeit der militärischen Niederringung brauchen wir nicht zu diskutieren – nur habe ich einfach den Eindruck als wenn es lediglich darum geht, pöbelnd und gröhlend in ne Stadt einzureiten und die „dicken Eier auf den Tisch zu packen“.
P.S.: ich dachte Jörg Friedrich wäre schon seit 3 Jahren abgetaucht – macht er jetzt ne Provinz-Tour?